Leseproben

Das Mädchen mit dem blauen Daumen

Erotische Erzählung 

Szene

Unter der vielen Post stach ein Brief hervor. Die Adresse war handgeschrieben. Etwas persönliches oder ein cleverer Werbeschachzug? Kein Absender! Also wohl doch Werbung. Erst mal beiseite legen. Achtlos öffne ich die anderen Briefe, Rechnungen, eine Einladung zu einer Präsentation, wie immer das Übliche, nichts Privates. Aber da war er noch, der eine Brief. Umschlag in dunkelweisser Leinenstruktur, mit Briefmarke. Nichts technisch bereitet, ein Hauch von Charme.

Ein kritischer Blick auf die Schrift sagt mir: Geschrieben mit Füllfederhalter, schwungvoll, elegant. So als wollte mir der Absender sagen: Speziell für dich, nur für dich! Der Brief liegt normal in meiner Hand. Ich spüre einen leichten Duft, herb, etwas ledrig. Nun ist meine Neugier endgültig geweckt! Mit dem Brieföffner reiße ich schwungvoll und in einem Strich die Kopfseite des Briefes auf. Nehme das Blatt heraus und falte es auseinander. Sand rieselt auf den Boden Noch im Stehen lese ich, Immer und immer wieder…

Ich muss mich hinsetzen, meine Knie fangen an zu zittern. Natascha! Ein Lächeln umspielt meinen Mund und setzt sich in meinen Augen fest. Erinnerungen werden wach, Jahrzehnte zurück. Schlagartig taucht ein Bild vor meinen Augen auf. Natascha und ich am Strand von Marbella, jeder das Gesicht des anderen in den Händen, um die Tränen aufzufangen. Zitternde Lippen, die sich aufeinanderpressen, Schenkel, die sich suchen, letzte leise Schreie der Lust. Abschied!

Sie hat mich gesucht, über Jahre und mich gefunden. Wie? Das möchte sie mir selbst erzählen. Sie ist für ein paar Tage bei einer Freundin in Amsterdam und möchte mich unbedingt sehen. Die Tinte von ‚Komm bitte‘ ist verwischt. Von einer Träne? Der Sand in dem Brief soll mich an uns in Marbella erinnern.  Ich streiche ihn über meine feuchten Lippen, atme die Erinnerung an den Geschmack ihrer Haut.

Am Flughafen Dublin hat sie ein Ticket hinterlegt und in Amsterdam würde mich ein Freund abholen und zu dem Haus ihrer Freundin bringen, Überraschung für mich inklusive! Ich soll mich verwöhnen lassen, alles genießen und dort auf sie warten. ‚Vertrau mir‘, schreibt sie. Ich höre sie es förmlich sagen, mit diesem verschmitzten etwas rauchigen Tonfall. Und plötzlich ist sie wieder da, die Sehnsucht nach ihr.

Ja, Natascha, ich werde kommen!

...

Birken sterben nie - zerstörte Träume einer Generation

Autobiografische Episoden - Memoiren 

1945 bis 1975

Szene 

Die alte Babuschka gab es wirklich. Mitten im Nichts, keine 500 m vom Lager entfernt, stand ihre Kate. Schutzlos dem Wind ausgeliefert, kein Baum, kein Zaun, Wir, die Frauen Kolonne B177 8 33 marschierten vorbei! Tag für Tag, einmal früh, einmal abends. Das alte baufällige Holzhäuschen erzitterte manchmal unter dem Klang unserer schweren Filzstiefel. Der Gleichklang der Schritte hatten fast etwas heiliges, ehrfürchtiges, wenn wir vorbeizogen. Ein Haus. Im freien, ohne Stacheldraht, ohne Bewacher! Dabei war es nur eine normale russische Kate. Drei Kammern, eine für die Tiere im Winter, eine für Vorräte. Eine zum Kochen, essen und schlafen. Ein großer Lehmofen in der Mitte, Holzscheite an einer Wand hochgestapelt. Auf dem Ofen eine Strohmatratze, darauf hingeworfen die mit Blumen bestickte blaue Steppdecke, dick ausgestopft mit Schafwolle. Darauf schliefen alle im Winter, Hausbewohner und auch Gäste. Oder sie legten sich auf den Dielen lang.

Im Sommer, wenn es zu heiß in der Kate wurde, gingen sie in die Tundra, nahe dem angrenzenden tiefen Wald. Im kühlen Birkenwäldchen legten sie dann für die Nacht ihre Steppdecken aus. Zündeten Feuer an. Dort traf sich dann die ganze Nachbarschaft mit den Familien unserer Bewacher. Sie tanzten, sangen Lieder und besoffen sich mit selbst gebrannten Wodka. Schaufelten eingelegten Pilze, Zwiebeln, Speck und Plini in sich hinein. Grillten ein Schaf am Spieß. An den Bäumen Frauen und Mädchen aus dem Lager gelehnt, nackt und jeder der Männer konnte sich bedienen, falls er noch fähig dazu war. 

Manchmal tanzte sich die alte Babuschka mit unbeholfenen schritten an unsere Kolonne heran, eben eine unbeholfene alte Frau, alt und tatterig.
Sie versuchte immer in meine Nähe zu kommen. nicht achtend auf die Schläge, die unsere Bewacher ihr überzogen. Sie machten sich lustig über sie, stellten ihr ein Bein, so dass sie hinfiel. Ihr Gesicht im Dreck aufgetauter sibirischer Erde!. Dabei sprang oft ihr alter ausgemergelter Busen aus der Bluse. Sie lachte dabei, bedankte sich bei den Soldaten, stand auf und torkelte zu mir. Sie schob mir ein Stück Speckschwarte zu, flüsterte dabei:

Für dich meine Tochter, Lubliuschka. Pass auf dich auf! Wann kommst du nach Hause?

Dabei lupfte sie ihren Rock, zeigte ihre Schenkel und grinste die Bewacher an:

Hey Jungs, wollte ihr mich? Greift zu!

Jedes Mal verschwand einer dieser zahnlosen Soldaten mit ihr hinter einem Hügel. Im weitermarschieren hörten wir ihre Schreie, begleitet vom dumpfen Grunzen seiner Geilheit.


Alles für ein Stück Speck. Ich fragte nicht, warum das die Alte tat. Wie ein Tier kaute ich an der Schwarte. Die Gier tropfte aus meinem Mund. Nur schnell, schnell essen. Am Lager Tor ist alles vorbei, dann finden sie das Verbotene beim täglichen Appell. Ein kleines Stück Speck, nicht grösser als eine halbe Hand, ist nicht zu verbergen auf nackter Haut. Zwischen den Schenkeln verstecken ging auch nicht. Ich musste breitbeinig stehen, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Manchmal, wenn der Kommandant nicht zu besoffen war, durfte ich mich auch hinhocken. Aufessen, alles sofort runterschlucken oder wegschmeißen. Eine andere Wahl gab es nicht.

Tage später ging ich mit einem Soldaten zum Haus der alten Babuschka. Der Kommandant ließ sie ihre Hühner requirieren für eines seiner Hurenfeste.

Die Alte muss das Fluchen des Soldaten schon von weitem gehört haben. Sie stand an der wackligen, fast aus den Angeln fallenden Haustür, grinste und lachte ihn an. In ihrer Hand zwei Gläser bis an den Rand mit Wodka gefüllt. Kein Zittern, kein Tropfen lief über den Rand.

'Willkommen mein Jungchen, du stolzer Sohn deiner Mutter. Lass uns zuerst auf dein Wohl trinken, auf dein Glück, dein Leben! Ich wünsch dir eine gute Frau, viele Kinder und immer einen warmen Ofen im Haus!'

Bei dem einem Glas blieb es nicht.
'Trink Jungchen, trink!'
Mein Gott, konnte die Alte saufen!
'Trink Jungchen, trink!'
Die Sonne brannte herunter, tat ein übriges, wurde zur Verbündeten. Es war schwül, das Atmen fiel schwer. ' Jungchen' hatte einen Fehler gemacht. Selbstgebrannten Wodka trinken, nichts essen und dann auf einmal abrupt aufstehen um russische Lieder mit voller Inbrunst zu grölen? Da fällt jeder um, haut es jeden unter den Tisch!
Plötzlich und unerwartet richtete sich die Alte auf, das hysterische Lachen war aus ihrem Gesicht verschwunden. Wärme lag darauf und viel Freude. Ihre alten Augen funkelten. Sie griff nach meiner Hand:

'Komm, meine Tochter, komm. Ich habe so lange auf dich gewartet, endlich bist du nach Hause gekommen. Komm Lubliuschka, komm mit mir. Mein Vögelchen, mein Täubchen!'

 

In der Kammer stand auf dem wackligen kleinen selbst gezimmerten Tisch ein Teller. Darauf hingeworfen drei Kartoffeln und ein halber Salzhering. Daneben ein Apfel, schon etwas schrumpelig, aber Apfel ist Apfel.
Aufgeregt zog sie mich in Richtung Tisch, schlug dabei immer wieder mit der Hand auf meine Schulter, zerrte an mir, gurrte vor sich hin:

'Lauf schon meine Tochter, lauf.'
Alles an ihr zitterte, sie wäre fast über ihre eigenen krummen Beine gestolpert, die nicht mehr so schnell konnten, wie sie wollte. Sie drückte mich auf einen alten Schemel, strich immer wieder über meinen kahlen Kopf, küsste meine Augen. Konnte einfach nicht aufhören mich zu liebkosen:


'Los, mach schon mein Seelchen, mein Töchterchen du musst hungrig sein. Nimm den Apfel, er ist aus dem Garten vom alten Wassili. Gott hab ihn selig. Bist viel gelaufen, ein langer Weg zurück in dein Dörfchen. 12 Jahre hast du gebraucht. Iss dich satt Lubliuschka, iss, mein Silberglöckchen, iss und erzähle. Hast du einen Mann? Ist er gut zu dir? Hast du Kinder? Hast du an mich gedacht?
Warte, Töchterchen, wie unhöflich von mir, willst du erst einen Schluck Tee? Hab noch Zucker irgendwo. Extra für dich!'

Sie konnte nicht aufhören zu fragen. Sie wackelte zur Tür, brabbelte weiter vor sich hin. Griff in die Tasche ihrer alten dreckigen Wattejacke, die dort am Haken hing und kramte ein kleines rot schimmerndes Stoffsäckchen hervor, rollte es hastig und ungelenk auf. Etwas fiel auf den Boden, sah aus wie ein brauner Stein. Nicht größer als eine Pflaume. Was immer es war, als es auf dem Holzboden aufschlug, zerplatzte es wie Glas. Muss wohl der Zucker gewesen sein.

Die Alte bückte sich, grapschte nach allem, benutzte eine Hand als Kehrschaufel und mit der anderen fegte sie wie ein Besen alles hinein. Zusammen mit all dem Dreck, Sand und Splittern, die auf dem Fußboden lagen. Dabei verlor sie das Gleichgewicht. Wie ein kleiner Bär fiel sie hin, kugelte etwas und unter ächzen und stöhnen kam sie wieder auf die Beine. Humpelte zum Samowar, goss aus dem Tschainik, dem kleinen Teekessel, Tee in ein Glas und füllte mit heißem Wasser auf. Aus ihrer Hand suchte sie den Zucker zusammen und warf ihn in den Tee. Alles andere ließ sie wieder auf den Boden fallen und wischte sich die Hand an ihrem Rock ab. Sie nahm das Teeglas und stellte es vor mich hin:

'Tut mir leid, mein kleines Blümchen, meine Lubliuschka, ich habe keine süßen Früchtchen mehr für dich, der Kommandant hat sie geholt.
Greif zu mein Töchterchen, nimm eine Kartoffel. die schönste ist für dich! Reib sie an dem Hering. Das hast du doch immer so gemocht!'

Die Alte hielt mich für ihre Tochter. Ich widersprach nicht. Na und! Sie macht es glücklich und mich satt! Sie setzte sich mir gegenüber, sah mir erwartungsvoll zu, wie ich einen Schluck Tee trank, die Kartoffel anlächelte. Dabei rollten Tränen über ihre Wangen.
Ein Wunder murmelte sie, ein Wunder und küsste das Kruzifix an ihrer Halskette.
Die Kartoffel, sie lag warm in meiner Hand. Nur nicht sofort essen, erst daran riechen… was für ein Duft, welche Köstlichkeit! Welche Kostbarkeit.

Plötzlich ein Knall. Babuschka fiel in sich zusammen. Ihr Kopf schlug auf dem Teller auf. Der Soldat stand breitbeinig im Raum, schwankend, voller Hass. Eine Pistole in der Hand und schrie kreischend:
'Was, keinen Wodka mehr, aber fressen und auch noch mit einer deutschen Hure!'
Dann wieder ein Knall. diesmal flog der Teller mit den restlichen Kartoffeln und dem Hering durch die Luft. aber die eine Kartoffel hatte ich noch in meiner Hand. Ich blickte darauf, sie war rot, voller Blut. Macht nichts, schnell stopfte ich sie mir in den Mund. Die kriegst du nicht, du Hund, dachte ich und blickte ihn wütend an. Mit irrem Blick und lautem fluchen kam er auf mich zu. Das ist das Ende ging es mir durch den Kopf.
Doch dann schwankte er stolpernd rechts an mir vorbei, direkt auf die Flasche Wodka zu, die auf der kleinen Fensterbank stand. An seinem Gürtel hingen drei blutige Hühner!
Ich würgte die Kartoffel herunter, erstickte fast, rang nach Luft. Nur raus hier! Er war nicht an mir, nur an dem Schnaps interessiert und an den Hühnern. Befehl ist Befehl! Auftrag erfüllt!


Ich renne aus der Kate, kein Blick zurück.
Allein erreichte ich das Lager, wurde mit Schlägen empfangen Ich hatte mich von meinem Bewacher entfernt war ohne ihn zurückgekehrt. Meine stumpfen Schmerzensschreie waren wie ein Lachen für mich. Heute fühlte ich mich als Sieger.
Die Strafe, drei Tage Erdbunker, ließen mich grinsen. 
Was Solls, die Kartoffel und der Schluck Tee mit Zucker waren das Spiel mit den Tod wert! Die alte Babuschka war sicher tot! Aber ich lebe! Heute!

Morgen ist ein anderer Höllentag.

...

Szene 

Ich stemme mich mit der Schulter gegen die Tür. Wie immer klemmt sie. Ich blicke mich um. Graue nasse Straße, dunkle Fenster ringsherum, die Farbe an den Rahmen abgeblättert. Leblose Häuser, fade, verlassen. Nur gegenüber bei den Werners im dritten Stock ist ein fahles Licht zu erkennen.

Der Regen tropft mir ohne Pause in den Nacken. Meine weißen Turnschuhe sind klatschnass, voller Dreckspritzer. Mir ist kalt. Das Einkaufsnetz schneidet mir in die Hand, die Pappkiste mit dem Wein unter meinem linken Arm weicht langsam auf. Kein Mensch zu sehen. Ich kneife die Augen zusammen, der Fernglaseffekt lässt mich eine Gestalt weit hinten erkennen. Nein, es sind zwei. Jetzt schiebt sich der eine aus der Rückendeckung heraus, ist auf gleicher Höhe mit dem Anderen. Sie bleiben stehen, schauen in meine Richtung und wechseln dann die Straßenseite. Suchen Schutz unter einem Türeingang. Ein kurzes Licht blinkt auf, fällt auf das Gesicht des Einen, nur einen kleinen Moment. Dann erkenne ich einen roten Punkt, eine brennende Zigarette Sie treten wieder auf den Gehweg und ich habe den Eindruck, sie plaudern. Betont langsam schlürfen sie weiter. Sie haben es nicht eilig. Bleiben immer wieder stehen. Nur ihr Kopf ruckelt immer wieder hektisch, wie bei einem Vogel. Ich spüre Ihre Blicke, obwohl sie den Anschein erwecken wollen nicht zu mir rüber zu schauen. Demonstrativ drehe ich mich zu Ihnen um, fixiere Sie. Sie beobachten mich, ich beobachte sie. Das müssen meine täglichen Begleiter sein.

Wenn ich die Haustür öffne, werden die Zwei ein Signal geben. Ein Auto wird auf meine Straße einbiegen, ohne Licht und bei ihnen stoppen. Sie werden einsteigen, einen Notizblock herausholen und ihren Tagesbericht schreiben:

Libelle2 um 18.56 nach Hause gekommen. Sie trägt unter ihrem Arm einen Karton unbekannten Inhalts. Im Einkaufsnetz eine Tüte Milch, vier Dosen, Inhalt ebenfalls unbekannt, 1 kleinen Sack Kartoffeln, 5 Äpfel, ein ca. 20x10 cm großes beigefarbenes Päckchen, vermutlich die 6 Koteletts, die sie 16.11 bei der Fleischerei Hörner, Wotan Str. 33, gekauft hat…  Es ist zu vermuten, dass Libelle2 Besuch erwartet. Libelle2 wurde vor ihrer Haustür, Wettiner Str. 77, fotografiert, wie sie ein Stück Papier weggeschmissen hat. Dieses Papier wird später sichergestellt, sobald Libelle2 das Haus betritt. 19.04 Observierung von Haus Libelle2 wird fortgesetzt.

 

Endlich bekomme ich diese verdammte Tür einen Spalt auf. Der durchnässte Karton reißt. Ich lasse das Einkaufsnetz fallen, kann noch zwei Flaschen umklammern, aber vier Flaschen 'Rosentaler Katanga' knallen auf die Steinstufen. Die rote Lache wird augenblicklich aufgeleckt vom Regen und verrinnt im Gully. Ich lasse alles liegen, Scherben auf rotem Wein. Nur rein ins Haus. Heute Abend noch oder morgen in aller frühe wird der Abschnittsbevollmächtigte bei mir auftauchen und mir einen Vortrag halten, wie ich gegen die Volksinitiative ’Unsere Heimat mach schön’ verstoßen habe. 

 

Ich hinterlasse eine Wasserspur und rosarote Fußabdrücke während ich Stufe für Stufe auf der knorrigen Holztreppe in den vierten Stock steige. 

Vor meiner Tür sitzt Jule, den Kragen ihrer Fliegerjacke hochgestellt, darüber ihr blondes weiches Haar, zusammengebunden im Nacken. Ihre blaue Schreibmappe neben sich. Sie lächelt mich an, ich lächle zurück. Sie springt auf, nimmt mir die Flaschen ab, streicht mir liebevoll über mein nasses Haar. Ein flüchtiger Kuss. Sie pult den Schlüssel aus meiner Jackentasche und schließt die Tür auf, zieht mich rein: ‘Mach schnell, du frierst. Ich wärme dich gleich.’

Vom zweiten Stock höre ich den Hauswart brüllen: ‘Das wischen sie aber noch heute auf Fräulein. Unordnung dulde ich nicht in meinem Haus!’

Endlich zu Hause, mit Jule!

...

Szene

Immer mehr Leute strömten in die Kirche, leise, fast lautlos, voller Ehrfurcht. Die noch leeren Plätze füllten sich schnell. Mein Blick geht zu den Emporen, Dort drängten sie sich, woben sich zusammen zu einer Menschenmauer. All die Heiligen, selbst die  Köpfe der Königinnen und Könige auf den Kapitellen starren entsetzt. All die Herrlichkeit und Macht scheint zu weinen. Ich kann diese Blicke, die aus Stein und Gemälden brechen auf mir fühlen. Für die einen bin ich Freund, für die anderen Feind. Ich die  Deutsche aus Leipzig, inmitten von Prag. an diesem 21. August.

In der Goldenen Stadt an der Moldau fressen sich russische Panzer durch die Strassen. Ihre malmenden Ketten reißen achtlos die alten ehrwürdigen  Pflastersteine heraus und schleudern sie in die Menschenmasse. Ich höre trommelnde Hände, die versuchen die kreischende Eisenmonster zu stoppen. Bloße waffenlose Körper die sich gegen die Besatzer werfen, sich an die mit todbringenden Rohre hängen, die wie Schlangen leckend und  züngelnd ihre Opfer suchen: Männer, Frauen, Kinder, vorwiegend junge Studenten - Prager!

Ein nicht endender Schrei aus tausenden Kehlen gebrüllt hallt durch die Stadt, flutet durch jede Straße, dringt in jeden Raum.

 

Freiheit! Freiheit! Freiheit!

Mörder!

Faschisten!

Dubcek!

 

Wir hier in der Kirche, sind flüchtig, Geflüchtete vor den Schlägen der tschechischen Geheimpolizei, den ostdeutschen Stasisöldnern, den feixenden russischen Soldaten auf den Panzern, die in ihrer Dummheit und Einfalt Leben oder Tod spielen.

Wir alle wollen hier nur einen Moment verschnaufen, zu uns kommen. Dann wieder rausgehen. Diejenigen, die Angst haben werden laufen. Die Zögerer sich abwartend in die Nebenstrassen schleichen. Die, die nicht aufgeben wollen, sich vor die Panzer stellen.

Wohin werde ich gehen?

 

Ich schaue um mich. Viele halten sich an den Händen, manche rücken ab, wollen allein sein. Glaube und Misstrauen, Angst und Hoffnung, wogen wie Nebelschwaden durch den Raum. Viele verlieren ihre Angst und Verlorenheit, werden langsam wieder mutiger, kämpferischer, getrieben von Wut und Hass. Ein trotziges Aufflackern, ein letztes Aufbäumen gegen eine zerstörte Hoffnung steht in den Gesichtern.

 

Vorn am Altar sehe ich Leute winken. Im Mittelgang läuft schleppend langsam ein noch  junges Mädchen, schleift ein Cello hinter sich her, viel zu gross für sie. Blut fließt von ihrem Arm über die Hand auf die Saiten. Sie weint. Man winkt ihr zu, es ist wie ein Spalier dieses ‘Komm’, wir warten auf dich.

Ich stehe auf, trete in den Gang und ziehe mir mein Hemd aus. Gehe zu dem Mädchen, nehme ihr das Cello aus der Hand und lehne es an die Bank. Ihr Lippen bewegen sich, sie flüstert. Ich kann sie nicht verstehen, spreche kein Tschechisch. Ich sehe nur den Schmerz in ihren Augen, die Verzweiflung, gerahmt von einem winzigen Glanz Hoffnung.

Ich fordere einen Mann mit Gesten auf mein Hemd zu zerreißen, doch er blickt nur fassungslos, ungläubig zurück. Bis ich es merke. Ich stehe mit fast nacktem Oberkörper da.

Eine Tür ist offen, das Draussen dringt nach Drinnen. Fallende Schüsse, schreiende Menschen, brechendes Glas und ich bin in einer Kirche vor Gott und Menschen nackt!

Alles ist möglich in dieser unmöglichen Zeit.

 

Ein Mensch legt mir eine Jacke über, klopft mir auf die Schulter, nimmt mein Hemd, zerfetzt es, kniet vor dem Mädchen nieder und verbindet die Wunde. Dann hilft er ihr auf, nimmt sie in seinen Arm, greift mit der anderen Hand das Cello und beide gehen schlürfend zum Altar. Mich lassen sie einfach zurück. Im Hinsetzen streife ich mir die viel zu große Jacke über. Sie riecht nach Bier und Rauch. Der linke Ärmel ist schmutzig, ein Riss, zerfetztes sonnengelbes Futter quillt heraus.

 

Vorn hat sich das Mädchen auf einen Stuhl gesetzt, das Cello zwischen ihren Beinen. Der Bogen fällt aus ihrer verletzten Hand. Sie kann ihn nicht halten. Ihr Körper wird von leisem Schluchzen geschüttelt.  Tränen fallen auf poliertes Holz und vermischen sich mit den Blut ihrer Hand.

Der Mann ohne Jacke bringt einen zweiten Stuhl, setzt sich neben sie, nimmt ihr Instrument zu sich und spricht zu ihr. Und wieder verstehe ich Nichts. Aber ich ahne was er sagt. Er rückt das Cello zurecht, wischt mit der Hand das Blut vom Instrument. Es sieht aus, als suche er seiner nicht mehr vorhandenen Jackentasche nach einem Tuch. Mit verstehendem Kopfschütteln wischt er die Finger an seiner Hose ab,  streicht dann den Bogen über jede einzelne Saite, fängt an zu stimmen. Es ist Totenstill in der Kirche. Nur die weh tuenden falschen Töne sind zu hören, bis der Klang sich gefunden hat. Ich sehe sein trotziges Lächeln. Die Mundwinkel zucken, sein Rücken macht sich gerade. Stolz! Er nimmt die verletzte Hand des Mädchens, zart, als wäre sie ein Schmetterling, legt sie vorsichtig, fast andächtig auf das Cello und fängt an zu spielen. Kein Ton war je schöner, klarer. Die Seele des Mädchens hat sich auf das Cello gelegt. Beide fangen an zu lachen, ihr Freude tanzt die Melodie.

...

 (c) 2018 Text and Photo by Eva Maria Brasseur  c.o. "embra books limited"

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